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Herausforderung Kanülensprechstunde

Beratung rund um die „Kanüle“

Werden Patienten mit einer Trachealkanüle versorgt, müssen sie gut auf die Zeit nach der Entlassung vorbereitet werden. In der HNO-Klinik am Universitätsklinikum Erlangen wurde deshalb eine wöchentliche Kanülensprechstunde eingerichtet. Hier bringen speziell geschulte Pflegekräfte den betroffenen Patienten und ihren Angehörigen die Handhabung und Pflege einer Trachealkanüle nahe – ganz ohne Zeit- und Termindruck. Von Meike Hallbauer und Cathérine Weller

Mittwoch, 14.05 Uhr. Fünf Personen sitzen um einen Tisch im Aufenthaltsraum auf Station 300 der HNO-Klinik Erlangen. „Die geblockte Kanüle brauchen Sie nur, solange noch viel Sekret abgesondert wird oder wenn Sie aspirieren.“ Die Gesundheits- und Krankenpflegerin Veronika Neubauer-Ilkiz hebt eine Kanüle hoch und reicht sie jedem einzelnen der Umsitzenden zur genauen Betrachtung. „Die dürfen Sie ruhig mal in die Hand nehmen, dann merken Sie den Unterschied“, sagt Neubauer-Ilkiz. Sabine H. möchte es genauer wissen: „Wann kann Mutter denn wieder sprechen? Und mit welcher Kanüle funktioniert das am besten?“

Neubauer-Ilkiz erklärt ausführlich die voraussichtlichen Entwicklungsschritte der 86-jährigen Patientin Käthe H. Deren Tochter und ihr Sohn sind heute mitgekommen. Walter S. ist ohne Begleitung da. „Wie geht es Ihnen denn? Sie kennen die Prozedur ja leider schon“, wendet sich die Pflegefachfrau an Walter S. Er ist vor fünf Tagen zum zweiten Mal am Kehlkopf operiert worden. Nach zwei Jahren hatte die alte Operationsnarbe plötzlich zu bluten angefangen. Walter S. und Käthe H. tragen ein Tracheostoma, eine operativ hergestellte offene Verbindung von der Halshaut zur Trachea unterhalb des Kehlkopfes.

Kanülenberatung ruht auf drei Säulen

Auf Station 300 versorgen die Pflegekräfte überwiegend Patienten nach Tumoroperationen im Kopf-Halsbereich. Wird eine Laryngektomie, also eine Entfernung des Kehlkopfes oder eine Kehlkopfteilresektion durchgeführt, erhalten die Patienten eine Tracheotomie (Luftröhrenschnitt) und werden mit einer Trachealkanüle versorgt. Auch neurologische Erkrankungen mit Störungen des Schluckreflexes können eine Tracheotomie erforderlich machen, ebenso Schilddrüsenoperationen, wenn ein oder beide Stimmbandnerven beschädigt wurden, Stenosen im Kehlkopfbereich, Unfälle oder eine Strahlenbehandlung am Kopf oder Hals.

Je nach Krankheitsbild wird das Tracheostoma entweder langfristig oder zwischenzeitlich zur Überbrückung einer Schluckstörung, einer Ateminsuffizienz oder einer Blockade des Luftwegs angelegt. Es kann zwischen zwei Wochen und einem Jahr oder – bei einer Kehlkopfentfernung – ein Leben lang verbleiben. Sind die stimmbildenden Organe weitgehend erhalten, kann der Patient die fehlende Funktion mit einer sogenannten Sprechkanüle ersetzen. Einige Betroffene benötigen eine Sprechkanüle über den stationären Aufenthalt hinaus.

Die Voruntersuchung und Planung des operativen Eingriffes finden in der Hochschulambulanz der HNO-Klinik statt. Zur Operation werden die Patienten dann stationär aufgenommen. Die Beratung tracheotomierter Patienten erfordert von den Pflegekräften eine besondere Ausbildung und ein Höchstmaß an sozialer Kompetenz und Einfühlungsvermögen in die persönliche Situation des Betroffenen. Vor allem der Verlust der Stimme nach der Operation macht den Betroffenen zu schaffen. Um die Patienten bestmöglich zu unterstützen, gibt es die Kanülenberatung an der HNO-Klinik Erlangen. Sie ruht auf insgesamt drei Säulen: Das Herzstück bildet dabei die Kanülensprechstunde auf der Station. Die Beratung in der Hochschulambulanz sowie die Schulung des Patienten im Umgang mit der Kanüle auf der Station im Pflegeprozess stellen die Basis dar.

Kanülensprechstunde: Raum für patientenorientierte Information

Seit der Einführung im Jahr 2006 leitet Veronika Neubauer-Ilkiz die Kanülensprechstunde im Wechsel mit ihren Kolleginnen Karin Dorsch, Annett Kloss, Mandy Suppan und Sabine Herold. Sie alle sind speziell geschulte HNO-Pflegefachkräfte der onkologischen Abteilung, die auf Station oder in der Hochschulambulanz arbeiten. Etwa 100 Patienten kommen jedes Jahr zur Beratung. Mit der wöchentlichen Sprechstunde auf der Station 300 hat die Klinikleitung einen Rahmen geschaffen, in dem die Pflegefachkräfte den betroffenen Patienten und ihren Angehörigen die Handhabung und Pflege einer Trachealkanüle nahebringen – ganz ohne Zeit- und Termindruck.

Bis dahin musste die Kanülenunterweisung ausschließlich in den laufenden Stationsbetrieb integriert werden. Viel Zeit für ausführliche Erklärungen blieb da nicht. An das Erklären anatomischer Hintergründe oder an alltagspraktische Hinweise sei damals nicht zu denken gewesen, erinnert sich Veronika Neubauer-Ilkiz.

„Wir versuchen, die positiven Aspekte zu zeigen“

In der Kanülensprechstunde sollen tracheotomierte Patienten und ihre Angehörigen auf ihre Situation zu Hause vorbereitet werden. Dabei wird die klassische Rollenverteilung des Klinikalltags aufgegeben: Patienten und ihre Angehörigen werden zu Partnern der Pflege, die selbst Verantwortung für den Therapieverlauf übernehmen müssen. Sie werden aktiv in die Auswahl und die weitere Planung mit einbezogen.

Insgesamt nehmen maximal zehn Personen an einer Sprechstunde teil – eine wichtige Voraussetzung für die individuelle Informationsvermittlung und Beratung mit dem Ziel, von professionellen Pflegekräften weitestgehend unabhängig zu werden. Zu Hause steht den Betroffenen keine Pflegekraft mehr rund um die Uhr zur Verfügung.

„Der Übergang vom Klinikalltag in das häusliche Umfeld ist für viele Patienten extrem angstbehaftet“, weiß Neubauer-Ilkiz. Und auch für die Angehörigen bedeutet der Eingriff eine große Umstellung. Gerade bei einer Laryngektomie, die das dauerhafte Tragen einer Trachealkanüle erforderlich macht und den vollständigen Verlust der stimmlichen Kommunikationsfähigkeit bedeutet, sind die Pflegekräfte in ihrer sozialen Kompetenz gefordert.

Bereits präoperativ müssen Patient und Angehörige auch psychisch auf das Tracheostoma und die fehlende lautsprachliche Kommunikationsfähigkeit nach der Operation vorbereitet werden. „Wir bemühen uns, die positiven Aspekte zu zeigen, die den Betroffenen und ihren Familien die Entscheidung zur Operation leichter machen sollen. Daher bieten wir zeitnah ein Treffen mit einem Mitglied des Kehlkopflosenverbandes an. Wir zeigen, dass Sprache auch ohne Kehlkopf möglich ist“, berichtet Neubauer-Ilkiz.

Alltagspraktische Tätigkeiten werden erklärt

Die Pflegefachkraft informiert sich vor der Sprechstunde über die Teilnehmer und ihre Krankengeschichte. Die Pflegekräfte und die Ärzte der jeweiligen Station füllen hierzu einen Patientenbogen aus, der neben der Art der Operation Informationen über weiterführende Therapiemaßnahmen, eine eventuelle Aspiration, die psychische Situation und die soziale Anamnese des Patienten enthält.

Während der Sprechstunde nimmt sich die Pflegekraft viel Zeit für ausführliche Erläuterungen und für Fragen der Patienten und Angehörigen. Sie erklärt zum Beispiel die anatomischen Gegebenheiten sowie die Veränderungen und Funktionseinbußen, die durch die Tracheotomie entstanden sind. So verstehen die Teilnehmer, dass die Einatmungsluft nicht mehr gefiltert, erwärmt und befeuchtet wird, wenn sie statt durch die feuchte Nase und ihre Flimmerhärchen direkt in die Lunge strömt. Sie begreifen, welche Funktion der Filter auf der Kanüle hat und wie wichtig die Inhalation ist. Eine detaillierte Darstellung der verschiedenen Kanülenarten schließt sich an. Die Informationen orientieren sich dabei individuell an den Erfordernissen der teilnehmenden Patienten.

Ebenso werden Fragen zur Mundhygiene und Ernährung sowie zur Auswahl und Anwendung von Materialien, Hilfsmitteln, medizinischen Geräten und zur Rezeptierung thematisiert. Einen wichtigen Punkt stellt das Thema Alltagsbewältigung dar: Vorgänge, die früher ganz automatisch abliefen wie Riechen, Schmecken oder Stuhlgang bereiten auf einmal Probleme. So können heiße Getränke oder Speisen zu Verbrennungen führen, da der Patient zur Kühlung nicht mehr pusten kann. Die Betroffenen verlieren ihren Geruchssinn und leiden unter Geschmackseinbußen. Die beim Stuhlgang eingesetzte Bauchpresse ist infolge des Tracheostomas abgeschwächt. Zum Pressen muss der Patient die Kanüle zuhalten. Mit einem Mal ist die Kommunikation nur mithilfe einer Schreibtafel möglich; Mimik und Gestik werden vom Gegenüber häufig nicht oder missverstanden.

Psychische Probleme und Ängste müssen aufgefangen werden

Nach der Entlassung spielt das persönliche Umfeld des Kranken eine sehr wichtige Rolle. Ist er in ein soziales Netz eingebunden, hat er Angehörige, die unterstützend und mit Zuwendung zur Seite stehen? Gibt es eine Perspektive für zu Hause? Später, wenn der Patient eine neue Stimme erlernt hat oder durch technische Hilfsmittel generieren kann, stimmt diese nicht mit dem Klang der bisherigen Stimme überein. Vielen Betroffenen fällt es schwer, sich damit zu identifizieren. Nicht selten entsteht daraus eine Identitätskrise.

Tracheotomierte Menschen schämen sich für ihre Kanüle und für Schleimabsonderungen aus dem Tracheostoma. Wut und Frust wechseln mit Angst und Resignation. Auch die Angehörigen, die selber Hand anlegen sollen, müssen viele Hemmschwellen überwinden. Mit all diesen Problemen und den damit verbundenen Fragen werden die Expertinnen in der Sprechstunde konfrontiert. Die kurze Verweildauer der Patienten auf Station stellt zusätzlich eine große Herausforderung für die Pflege dar. „Um allen Beteiligten bei der Entlassung ein sicheres Gefühl zu geben, müssen wir viel Geschick, Takt und Überzeugungskraft aufwenden“, erläutert Neubauer-Ilkiz.

Pflegekräfte sind speziell geschult

Bis zu drei Stunden dauert die Sprechstunde manchmal, je nachdem wie viele Fragen gestellt werden. „Die meisten Fragen kommen von den Angehörigen“, sagt Veronika Neubauer-Ilkiz. Nach der Stunde notiert sie im Patientenbogen die psychische und körperliche Verfassung des Patienten und die verordneten Kanülen und Hilfsmittel. Der Bogen wird der jeweiligen Station übergeben. Hier erfolgt auch eine kurze Übergabe des Patienten an die weiterbetreuenden Kollegen. Geräteeinweisungen und Schulungen zu Medizinprodukten erfolgen bereits in der Klinik durch Berater des jeweiligen Erstausstatters. Um weitere Hilfen nach dem Klinikaufenthalt zu organisieren, wird die klinikeigene Sozialarbeiterin involviert. Bei Bedarf vermitteln die Fachfrauen Kontakte zu Selbsthilfegruppen am Wohnort.

Um die Tracheostomaversorgung innerhalb des gesamten Universitätsklinikums zu optimieren, hält Karin Dorsch Kurzfortbildungen für die Kollegen auf den Stationen. In der HNO-Klinik schult sie auch Assistenzärzte zu diesem Thema. Nicht zuletzt ist die Fähigkeit zu Empathie und zum Einlassen auf die Patienten und Angehörigen entscheidend. „Die Betroffenen und ihre Angehörigen müssen erst wieder lernen, dass sie selbst für ihr Leben verantwortlich sind und ihre Angelegenheiten selber regeln müssen“, erläutert Veronika Neubauer-Ilkiz. „Man muss zur Kanüle stehen und damit leben, sonst verzweifelt man daran.“ Diese Überzeugungsarbeit ist kein leichter Job, weiß die Pflegefachkraft. Aber einer, der ihr viel bedeutet: „Wenn ich spüre, dass die Patienten durch die Beratung wieder Mut schöpfen, sich ihrem Leben zu stellen, weiß ich, dass sich der Einsatz gelohnt hat.“

Die Hals-Nasen-Ohren-Klinik am Universitätsklinikum Erlangen

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Kontaktdaten der Ansprechpartnerinnen:
Silke Martin, Birke und Partner Kommunikationsagentur
E-Mail: silke.martin@birke.de


Verfasser: Meike Hallbauer, Cathérine Weller


Autorin
Meike Hallbauer